amoregalorePflanzen · Lust · Liebe

MädesüßFilipendula ulmaria

Die Wiesenkönigin. Im Hochsommer steht sie an Bachläufen und feuchten Wiesen, krönt sich mit cremeweißen Blütenwolken und riecht nach Honig und Mandeln — es gibt kaum einen Duft, der so eindeutig nach Juli riecht.

Auf einen Blick

Die Wiesenkönigin. Im Hochsommer steht sie an Bachläufen und feuchten Wiesen, krönt sich mit cremeweißen Blütenwolken und riecht nach Honig und Mandeln — es gibt kaum einen Duft, der so eindeutig nach Juli riecht.

Pharmaziegeschichtlich ist sie eine der wichtigsten Pflanzen Europas: Aspirin verdankt seinen Namen ihrer alten Gattungsbezeichnung Spiraea. Volkskundlich steht sie seit jeher für Schmerz, Krämpfe und die Tage vor der Periode. Märchenhaft im Auftritt, überraschend handfest im Wirkstoff.

Im Liebeskalender steht sie in den Fischen: Romantik, Traum, weiche Sinnlichkeit. Eine Pflanze, die niemanden anmacht und trotzdem in dieses Lexikon gehört — weil Weichwerden eine Voraussetzung ist.

Tradition & Geschichte

Im germanischen und keltischen Raum galt Mädesüß als heilige Pflanze. Im angelsächsischen Nine Herbs Charm, einem der ältesten überlieferten Kräutertexte Nordeuropas, ist sie eines der neun genannten Kräuter. Bei den Druiden soll sie zu den drei heiligsten Pflanzen gezählt haben — das ist Überlieferung aus zweiter Hand, aber die Stellung der Pflanze in der nordeuropäischen Volkskultur ist unstrittig.

Der Name führt zum Met. Die Blüten wurden zur Aromatisierung von Honigwein benutzt, aus Metsüße wurde Mädesüß. Eine zweite Deutung leitet ihn von Mahd ab, dem Mähen der Wiese — beide Erklärungen halten sich, und beide sagen etwas über den Ort der Pflanze.

Im Mittelalter war sie Streukraut: Man legte sie auf Fußböden, damit Räume nach Honig statt nach Mittelalter rochen. Königin Elisabeth I. soll Mädesüß dafür allen anderen Kräutern vorgezogen haben.

Pharmaziegeschichte, der entscheidende Punkt: 1835 isolierte der Schweizer Apotheker Johann Pagenstecher aus Mädesüßblüten Salicylaldehyd. Aus dieser Substanzfamilie entwickelte Bayer 1897 die Acetylsalicylsäure. Der Name Aspirin setzt sich zusammen aus dem A für Acetyl und spir für Spiraea ulmaria, die damalige botanische Bezeichnung des Mädesüß. Die meistverkaufte Tablette der Welt trägt den Namen einer Wiesenpflanze im Bauch.

Wirkung

Geschmack und Duft: die Blüten süßlich, mandelartig, mit einer Honignote; die Blätter deutlich herber, fast nach Gurke. Der Duft ist frisch am intensivsten und verliert beim Trocknen etwas — Mädesüßsirup schmeckt deshalb anders als Mädesüßtee.

Inhaltsstoffe: Salicylsäure-Vorstufen (Salicin, Spiraein, Gaultherin), Flavonoide, Gerbstoffe, ätherisches Öl mit Salicylaldehyd.

Was die Tradition sagt: krampflösend, schmerzlindernd, schweißtreibend. In der europäischen Volksmedizin bei Kopfschmerz, Erkältung, Gelenkbeschwerden und Menstruationskrämpfen eingesetzt. In der Lutealphase eines der klassischen Kräuter.

Was die Forschung sagt: Die Salicylate sind chemisch real und ihre Wirkprinzipien gut verstanden. Der Gehalt in der Pflanze ist allerdings deutlich niedriger und die Aufnahme langsamer als bei einer Tablette — Mädesüßtee ist kein Aspirin-Ersatz und wird von niemandem, der die Pflanze kennt, als solcher verkauft. Was ihn interessant macht: Die Gerbstoffe wirken magenschützend, weshalb Mädesüß die Reizung nicht mitbringt, für die Acetylsalicylsäure bekannt ist.

Sinnlich gelesen: keine aphrodisische Pflanze im klassischen Sinn. Mädesüß dreht nichts hoch, sie zieht runter — auf die gute Art. Sie macht sehnsüchtig statt wach, weich statt erregt. Für lange Sommerabende, für die Tage, an denen der Körper zickt, und für alle, die vor dem Ankommen erst mal loslassen müssen.

Grenzen, wichtig: Wegen der Salicylat-Verwandtschaft gelten dieselben Vorsichten wie für Aspirin. Wer auf Acetylsalicylsäure allergisch reagiert oder an Asthma mit ASS-Intoleranz leidet, sollte Mädesüß meiden. Nicht für Kinder unter zwölf Jahren (Reye-Syndrom-Vorsicht wie bei allen Salicylaten). Bei blutverdünnenden Medikamenten vorher ärztlich abklären.

Anbau

  • Aussaat: Kaltkeimer. Im Herbst direkt nach der Samenreife aussäen und den Winter draußen stehen lassen, oder im Frühjahr nach vier bis sechs Wochen Kältestratifikation im Kühlschrank. Wer im März einfach so sät, wartet vergeblich
  • Alternative: Teilung eines vorhandenen Horstes im Frühjahr oder Herbst — schneller und zuverlässiger als jede Aussaat
  • Standort: feucht bis nass, halbschattig bis sonnig. Bachränder, Teichufer, feuchte Senken, Regentonnen-Überlauf. Mädesüß hasst Trockenheit und zeigt es sofort mit braunen Blatträndern
  • Boden: nährstoffreich, lehmig, gern schwer. Einer der wenigen Fälle, in denen Staunässe kein Problem ist
  • Pflege: wenig. Bei Trockenheit gießen, das ist alles. Nach der Blüte zurückschneiden, wenn du die Selbstaussaat begrenzen willst
  • Blüten ernten: Juni bis August in der Vollblüte, an einem trockenen Vormittag kurz nach Sonnenaufgang, sobald der Tau weg ist. Die ganzen Blütendolden abschneiden
  • Blätter ernten: derselbe Zeitraum, vor der Blüte am mildesten
  • Trocknung: luftig, schattig, unter 35 °C, dünn ausgebreitet. Die Blüten bräunen leicht — das ist normal und kein Qualitätsverlust
  • Lebensdauer: mehrjährig, bildet mit den Jahren große Bestände, wird 1 bis 1,5 Meter hoch

Realität in DE: Mädesüß ist heimisch und wächst auf feuchten Wiesen in ganz Deutschland — Sammeln ist oft einfacher als Anbauen. Wer sie in den Garten holt, braucht die feuchte Ecke: an die Regentonne, an den Teich, in eine Senke. Im normalen Beet muss man ständig gießen, und dann macht es keinen Spaß. Im Kübel geht sie nur mit Untersetzer, in dem Wasser stehen bleibt. Beim Sammeln: nicht mit dem Echten Baldrian oder Wiesenkerbel verwechseln — Mädesüß erkennt man sicher am Duft (Mandel und Honig) und an den charakteristisch gefiederten, unterseits weißfilzigen Blättern.

Mondkalender

Blüte und Blatt, mit dem klaren Schwerpunkt auf der Blüte.

  • Aussaat: Blatttage, im Herbst direkt nach der Samenreife oder im Frühjahr nach der Kältephase
  • Teilung des Horstes: abnehmender Mond, Blatttage, Frühjahr oder Herbst
  • Blüten ernten: Blütentage bei Vollmond — Zwillinge, Waage, Wassermann. Vollmond plus Mädesüß ist einer der klassischsten Erntemomente überhaupt, weil beide dasselbe Prinzip tragen: hell, weiß, hoch stehend
  • Blätter ernten: Blatttage, zunehmender Mond
  • Sirup ansetzen: direkt nach der Ernte, Vollmond bis abnehmender Mond
  • Trocknen, Tee mischen, Tinktur: abnehmender Mond
  • Met ansetzen: Vollmond, wenn du der alten Linie folgen willst
  • Für den Abend: Fische-, Krebs- und Skorpion-Tage, oder die abnehmende Phase. Mädesüß ist die Pflanze für die Nacht nach dem Höhepunkt, nicht für die Nacht davor

Sternbild & Planet

Fische — Romantik, Traum, weiche Sinnlichkeit, Verschmelzung. Ein Wasserzeichen für eine Wasserpflanze, und einer der stimmigsten Treffer im ganzen Lexikon. Mädesüß hat keine Kanten, keine Schärfe, keine Ansage. Sie löst auf.

Astrologisch dem Mond zugeordnet: weiß, feucht, weich, sammelnd, nachtseitig. Die Blütenwolken sehen bei Dämmerung tatsächlich aus, als würden sie leuchten.

Blüten- und Blatttag zugleich, mit dem Schwerpunkt auf der Blüte. Wer einen Vollmond-Blütentag im Juli erwischt, hat den besten Erntetag des Jahres für diese Pflanze.

In der Küche

Mädesüßsirup ist die schönste Anwendung — das Holunderblüten-Pendant für die zweite Jahreshälfte. 20 Blütendolden, 1 Liter Wasser, 800 g Zucker, eine Bio-Zitrone in Scheiben. Wasser mit Zucker aufkochen, über die Blüten gießen, 24 bis 48 Stunden kalt ziehen lassen, absieben, kurz aufkochen, heiß abfüllen. Schmeckt nach Honig, Mandel und Sommer.

In Süßspeisen: Blüten in heißer Sahne oder Milch ziehen lassen (30 Minuten), absieben, daraus Panna cotta, Eis oder Creme machen. Der Mandelton kommt dabei besonders schön durch.

Junge Blätter sehr sparsam in Salate — sie sind deutlich herber als die Blüten.

Met und Honigwein: die alte Anwendung. Blüten während der Gärung zugeben, oder einen fertigen Met mit einem Blütenzweig zwei Wochen aromatisieren.

Für den Abend zu zweit: Mädesüßsirup mit Sekt und einer Scheibe Zitrone, dazu ein Blütenzweig ins Glas. Es riecht nach Wiese und sieht aus, als hätte sich jemand Mühe gegeben.

Tee, Tinktur, Bad

Tee. 1 bis 2 Teelöffel getrocknete Blüten auf 250 ml Wasser. Wichtig: nicht kochen. Das Wasser auf etwa 80 °C abkühlen lassen, bevor du aufgießt — sonst verflüchtigt sich das Salicylaldehyd, das den ganzen Duft ausmacht. 10 Minuten zugedeckt ziehen lassen.

Lutealphasen-Mischung. 2 Teile Mädesüß, 2 Teile Frauenmantel, 1 Teil Melisse. Der Klassiker für die Tage vor der Blutung.

Kopf-und-Krampf-Tee. Mädesüß mit Kamille und einem kleinen Anteil Weidenrinde, wenn es traditioneller werden soll. Zwei bis drei Tassen über den Tag verteilt.

Sirup siehe Küche — er ist gleichzeitig die angenehmste Form, die Pflanze regelmäßig zu nehmen.

Tinktur. Getrocknete Blüten mit 40-prozentigem Alkohol übergießen, sechs Wochen dunkel ziehen lassen, abseihen. Unüblich, aber haltbar.

Bad. Ein starker Blütenaufguss im Badewasser. Der Duft ist unvergleichlich und der Grund, warum die Pflanze jahrhundertelang auf mittelalterlichen Fußböden lag. Für den langen Abend mit Rose und Lavendel kombinieren.

Mit anderen Pflanzen

  • Mit Frauenmantel: der Klassiker für die Lutealphase. Beide weich, beide in derselben Tradition, beide Rosengewächse — der naheliegendste Teepartner
  • Mit Rose: beide blütenstark. Rose ist laut, Mädesüß flüstert — im Bad und im Tee eine sehr sanfte Kombination
  • Mit Brennnessel: der harte Kontrast, der sich gut ausgleicht. Brennnessel weckt und füllt auf, Mädesüß zieht runter
  • Mit Lavendel: beide beruhigend, beide blütig, zusammen die stärkste Abendmischung für die Badewanne
  • Mit Holunder: die zwei großen weißen Blütendolden des Sommers. Holunder im Juni, Mädesüß im Juli — wer beide Sirupe im Keller hat, hat den Sommer konserviert
  • Mit Melisse: nimmt der Mischung die Schwere und macht sie alltagstauglich
  • Mit Liebstöckel: erdig trifft märchenhaft. Ungewöhnlich, aber im Bad eine Kombination, die Sehnsucht Boden gibt