amoregalorePflanzen · Lust · Liebe

LiebstöckelLevisticum officinale

Die Pflanze, in der die Liebe wörtlich steckt. Mittelhochdeutsch hieß sie Lustock, und der Volksmund machte daraus den Liebes-Stockel — eine Volksetymologie, die so gut passte, dass sie sich gehalten hat. Wer den Geruch von Maggi kennt, kennt Liebstöckel: warm, würzig, mit dieser

Auf einen Blick

Die Pflanze, in der die Liebe wörtlich steckt. Mittelhochdeutsch hieß sie Lustock, und der Volksmund machte daraus den Liebes-Stockel — eine Volksetymologie, die so gut passte, dass sie sich gehalten hat. Wer den Geruch von Maggi kennt, kennt Liebstöckel: warm, würzig, mit dieser eigenen, fast hefigen Tiefe.

Heute ist sie fast vollständig zur Suppenwürze degradiert. Im Mittelalter war sie das Liebeskraut Mitteleuropas — Bestandteil von Liebestränken, Brautbädern und dem, was die Klöster ungern aufschrieben.

Botanisch ein Doldenblütler, verwandt mit Sellerie und Petersilie, und mit bis zu zwei Metern die größte Staude im Kräuterbeet. Wer sie einmal gepflanzt hat, hat sie zwanzig Jahre.

Tradition & Geschichte

Die Heimat liegt wahrscheinlich im Vorderen Orient; nach Mitteleuropa kam Liebstöckel über die römische Kultur und dann über die Klostergärten. In Karls des Großen Landgüterverordnung (Capitulare de villis, um 800) steht sie auf der Liste der Pflanzen, die auf jedem Krongut zu ziehen sind — so etwas wie ein früher Ritterschlag.

Hildegard von Bingen führt sie in der Physica als Lubestuckel. Bei ihr geht es um Verdauung, Stimme und Schleim; der Lust-Bezug ist Volkstradition, nicht Klostermedizin.

Die Brautbad-Tradition ist die schönste Spur. Junge Frauen sollen vor der Hochzeit in einem Liebstöckel-Aufguss gebadet haben, damit ihnen der Künftige verfällt — daher der Volksname Badekraut. In Teilen des Alpenraums hielt sich der Brauch bis ins 19. Jahrhundert.

Dazu kommt die Liebestrank-Linie: Liebstöckel taucht in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rezeptsammlungen für Philtren auf, meist zusammen mit Wein, Honig und anderen Doldenblütlern. Ob das je gewirkt hat, ist die falsche Frage. Interessant ist, was es über die damalige Vorstellung von Wirkung sagt: durch Wärme, Würze und Geruch.

Der englische Name lovage und der französische livèche tragen dieselbe Verwechslung von levisticum und love bis heute weiter.

Wirkung

Geschmack: stark würzig, sellerieartig, mit einer warmen, beinahe fleischigen Tiefe. Roh sehr dominant, gekocht runder. Ein einziges Blatt würzt einen Topf Suppe.

Inhaltsstoffe: ätherisches Öl mit Ligustilid als Leitsubstanz (das ist der Maggi-Geruch), dazu weitere Phthalide, Cumarine, Harze und Bitterstoffe. In der Wurzel sind die Öle am konzentriertesten.

Was die Tradition sagt: verdauungsfördernd, durchwärmend, entwässernd. In der Klosterheilkunde als Mittel bei Blähungen und träger Verdauung geführt, in der Volksmedizin als Kraut, das durchspült.

Was die Forschung sagt: wenig. Die verdauungsanregende und harntreibende Wirkung von Doldenblütler-Ölen ist plausibel und in Teilen beschrieben, für alles darüber hinaus fehlen Studien. Als Liebeskraut ist Liebstöckel reine Tradition — eine schöne, gut dokumentierte, aber eben eine Tradition.

Sinnlich gelesen: kein schneller Funke, sondern ein langer Atem. Liebstöckel wärmt von innen und baut sich auf. Es ist die Pflanze für das gemeinsame Kochen, nicht für den Cocktail — der Abend, der in der Küche anfängt.

Grenzen: Die Cumarine machen die Haut lichtempfindlicher; nach intensivem Hantieren mit der frischen Pflanze also nicht direkt in die pralle Sonne. In der Schwangerschaft wird von größeren Mengen traditionell abgeraten. Bei Nierenerkrankungen gilt dasselbe wie für alle stark harntreibenden Kräuter: vorher fragen.

Anbau

  • Aussaat: April bis Mai direkt ins Beet oder ab Februar vorziehen. Lichtkeimer — Samen nur andrücken, nicht bedecken. Frisches Saatgut nehmen, Doldenblütler-Samen verlieren schnell die Keimkraft
  • Standort: Halbschatten bis Sonne. Tiefgründig, nährstoffreich, eher schwer und feucht. Liebstöckel ist eines der wenigen Kräuter, die keinen mageren Mittelmeerboden wollen
  • Platz: großzügig planen. Eine ausgewachsene Pflanze wird 1,5 bis 2 Meter hoch und ebenso breit — sie beschattet alles, was daneben steht
  • Pflege: im Frühjahr Kompost, sonst nichts. Blütenstände ausbrechen, wenn du Blattmasse willst; stehen lassen, wenn du Samen willst
  • Blätter ernten: ab dem zweiten Jahr laufend von Mai bis September, immer die äußeren Stiele. Vor der Blüte am aromatischsten
  • Samen ernten: Spätsommer, wenn die Dolden braun werden. Kopfüber in einer Papiertüte nachtrocknen lassen
  • Wurzel ernten: im Herbst des dritten Jahres oder später, nachdem das Kraut eingezogen ist. Das ist die Ernte für die Tinktur
  • Trocknung: Blätter luftig und schattig; sie verlieren dabei viel Aroma, Einfrieren ist die bessere Konservierung. Die Wurzel in Scheiben schneiden und langsam trocknen
  • Lebensdauer: mehrjährig, 15 bis 20 Jahre am selben Platz

Realität in DE: Eine der unkaputtbarsten Pflanzen überhaupt. Liebstöckel wächst in fast jedem Garten, verträgt Frost, braucht keine Pflege und kommt jedes Frühjahr von allein wieder. Der einzige echte Fehler ist ein zu kleiner Platz. Für ein Schattenbeet an der Nordseite ist sie perfekt, für den Balkonkasten hoffnungslos — ein Kübel müsste mindestens 40 Liter fassen.

Mondkalender

Liebstöckel ist eine der wenigen Pflanzen, bei denen alle drei Pflanzenteile genutzt werden. Entsprechend verteilt sich der Kalender.

  • Aussaat: Blatttage bei zunehmendem Mond — Krebs, Skorpion, Fische
  • Blätter ernten: Blatttage, am besten am Vormittag, sobald der Tau abgetrocknet ist. Zunehmender Mond für die frische Verwendung, abnehmender fürs Trocknen
  • Samen ernten: Fruchttage bei abnehmendem Mond — Widder, Löwe, Schütze
  • Wurzel ernten: Wurzeltage bei abnehmendem Mond, im Herbst. Die klassische Kombination für alles, was unter der Erde wächst
  • Tinktur ansetzen: abnehmender Mond auf Wurzeltag
  • Brautbad oder Ritualbad: Stier- oder Waage-Tage, gern zum Vollmond. Wenn du der Tradition folgen willst: am Abend vor dem Tag, um den es geht
  • Staude teilen: abnehmender Mond im zeitigen Frühjahr

Sternbild & Planet

Stier — Sinnlichkeit, Genuss, langsame Wärme. Erdig, körperlich, ausdauernd. Liebstöckel passt in kaum ein anderes Zeichen: eine Staude, die zwanzig Jahre am selben Fleck steht, tief wurzelt und über die Küche wirkt statt über den Rausch.

Astrologisch klassisch der Sonne zugeordnet — warm, stärkend, aufbauend. Der Mars-Anteil kommt über die Schärfe der Würze und die durchblutende Note. Eine Sonne-Mars-Pflanze im Stier ist genau das: langsame Wärme mit einer Spitze darin.

Weil alle drei Pflanzentage vorkommen, hat Liebstöckel im Garten-Tab fast jede Woche irgendeinen guten Tag.

In der Küche

Hier ist Liebstöckel zu Hause, und hier ist er unschlagbar.

Frische Blätter klein gehackt in Suppen, Eintöpfe, Brühen, Kräuterbutter, Kartoffelsalat, Tomatensauce. Sehr sparsam dosieren: ein bis zwei Blätter für einen Topf. Liebstöckel überschreibt alles andere, wenn man ihn lässt.

Kraftbrühe ist die klassische Anwendung. Liebstöckel gibt jeder Gemüsebrühe die Tiefe, die sonst nur Fleisch bringt — wer vegetarisch kocht, hat mit dieser Pflanze eine kleine Geheimwaffe.

Samen wie Selleriesamen verwenden: in Brot, in Eingelegtes, in Käsegebäck. Etwas herber als das Blatt.

Stiele lassen sich wie Stangensellerie verarbeiten oder kandieren — eine alte Klosterpraxis, die kaum noch jemand kennt.

Für den Abend zu zweit: eine klare Brühe aus Liebstöckel, Ingwer und Knoblauch. Drei wärmende Pflanzen, und niemand geht danach mit vollem Bauch ins Bett.

Tee, Tinktur, Bad

Wurzeltinktur — das historische Liebeselixier. Getrocknete Wurzelstücke in ein Schraubglas, mit 40-prozentigem Alkohol bedecken, 8 Wochen dunkel stehen lassen, gelegentlich schütteln, abseihen. Sehr würzig, tropfenweise zu nehmen, hält Jahre.

Brautbad. Eine große Handvoll getrocknetes Kraut in ein Leinensäckchen, ins warme Badewasser hängen, 20 Minuten ziehen lassen. Der Duft ist warm und würzig, kein bisschen blumig — ein Bad, das nach Küche riecht statt nach Parfüm, und genau das ist der Reiz.

Tee ist selten, weil das Aroma zu dominant ist. Wenn, dann als Verdauungstee nach schwerem Essen: ½ Teelöffel getrocknetes Kraut auf 250 ml, 5 Minuten ziehen lassen, gern mit Fenchel gemischt.

Fußbad mit einem Aufguss aus Kraut und Wurzel — in der Volksmedizin gegen kalte Füße, und als Auftakt für einen Abend, an dem jemand ankommen soll.

Mit anderen Pflanzen

  • Mit Rose: Würze trifft Duft. Klingt unmöglich, funktioniert im Bad erstaunlich gut — Rose nimmt der Würze die Derbheit
  • Mit Chili: feurig trifft wärmend, gemeinsame Mars-Note. In der Suppe ein Paar, das den ganzen Körper aufheizt
  • Mit Mädesüß: erdig trifft märchenhaft. Eine Badmischung für Abende, an denen Sehnsucht etwas mehr Boden vertragen könnte
  • Mit Knoblauch: die mediterrane Achse. Beide scharf, beide durchblutend, beide mit demselben zweifelhaften Liebes-Ruf — zusammen in jeder Brühe
  • Mit Ingwer: doppelte Wärme, einmal von innen, einmal von außen. Die Suppe für den Abend, an dem draußen November ist
  • Mit Melisse: der Gegenpol. Melisse ist hell und zitrisch, Liebstöckel dunkel und erdig — im Kräuterbeet nebeneinander eine gute Nachbarschaft